Eine Reise in die Ukraine

Es kam für uns sehr unerwartet, dass durch den Ausbruch des Virus plötzlich alle Termine und Reisen abgesagt werden mussten. Grenzschließungen und zahlreiche neue Vorschriften machten Reisen in die Missionsgebiete für uns unmöglich. So mussten wir schließlich lernen, auf neue Weise und mit Hilfe digitaler Medien die Arbeit weiter zu planen und zu fördern.
Nun, aufgrund niedrigerer Infektionszahlen und geringerer Reiseauflagen, konnten wir nach 1,5 Jahren endlich wieder in die Ukraine reisen. Meine Frau und ich wollten an einer Jugendfreizeit teilnehmen, um die Jugendlichen zu motivieren, mit Gott zu leben und ihre Lebenspläne auf Gottes Pläne abzustimmen.
Nach einem kurzen Flug nach Lemberg (Westukraine) sollte unsere Reise weiter mit dem Zug in den Osten des Landes gehen.
Uns fiel schnell auf, dass die Ukrainer anders mit der Situation umgehen als die Deutschen. So verhielten sich viele Menschen so, als gäbe es gar keine Pandemie. Sie hielten kaum Abstand und trugen auch meist keine Masken. Denn sie mussten auch bei hohen Infektionszahlen eng miteinander arbeiten, da es bei Dienstausfall keine staatliche Unterstützung gegeben hätte.

Die Wichtigkeit unserer Arbeit
Kurz vor Abfahrt in Lemberg wurde der Bahnsteig sehr voll. Wir trugen unsere Masken und fielen damit gleich auf.
Während die Menschen auf den Zug warteten, versuchte ein ca. 40-45 Jahre alter Mann, den Reisenden Schokolade zum Kauf anzubieten. Jemand kaufte eine Tafel für 12 Griwna (ca. 40 Cent). Ich fragte mich, wieviel der Mann damit verdienen könnte? Womöglich drei, vier oder fünf Cent? Aus Spaß macht er es sicher nicht… Gefühle der Dankbarkeit über meine eigene wirtschaftliche Sicherheit mischten sich bei mir mit den Gedanken der Mitverantwortlichkeit für solche Menschen. Mir wurde neu bewusst, wie wichtig der Dienst unserer Mitarbeiter in Lemberg und anderen Orten ist, wenn sie für arme und obdachlose Menschen kochen.
Die Reise mit dem Zug haben meine Frau und ich sehr genossen. Als wir dann schließlich in unserem geistlichen Zentrum in Galizinowka (Ostukraine) ankamen, wurden wir von etwa 100 Jugendlichen herzlich begrüßt und aufgenommen. Sie schätzten es sehr, dass Gäste aus dem Ausland den Mut hatten in ihr Gebiet zu kommen.
Nach knapp 20 Stunden Zugfahrt waren wir jedoch sehr müde und legten uns erst einmal schlafen.

Ein von Krieg geprägtes Land
Anscheinend schliefen wir auch fester als sonst. Deshalb bekamen wir nicht mit, als es in der Nacht zu Kämpfen und Raketenbeschuss in den Nachbardörfern kam.
An den nächsten Tagen war es wieder ruhiger und die missionarisch ausgerichtete Jugendfreizeit entwickelte sich zu einem wunderbaren Gemeinschaftserlebnis. Es machte allen sichtlich Spaß. Durch Vorträge, Lieder und persönliche Gespräche kam es zu einigen Entscheidungen für Jesus, was uns sehr froh machte.

In den letzten sieben Jahren des Krieges haben viele Menschen das Leben in der Ostukraine aufgegeben… Auch ca. 80% der Christen verließen die Region. Unser Ziel ist und war es, junge Menschen zu motivieren, ihren Glauben dort aktiv weiterzuleben und anderen Menschen die Liebe Gottes weiterzugeben.
Während der Freizeit besuchten wir auch weitere Projekte von HTO und trafen uns mit einigen Mitarbeitern, die wir ebenfalls unterstützen und für ihren Dienst ermutigen wollten.

In unserer letzten Nacht in Galizinowka kam es erneut zu schweren Kämpfen… Eine in der Nähe stationierte Panzereinheit musste ausrücken, um die Angriffe abzuwehren. Uns wurde später berichtet, dass es in den folgenden Tagen immer wieder zu heftigen Angriffen in den umliegenden Dörfern kam, weshalb noch mehr Menschen die Flucht ergriffen.
Wir konnten das Gebiet jedoch planmäßig verlassen.

Kinder in der Ukraine
Anschließend verbrachten wir einige Tage im Süden der Ukraine. Es waren ein paar Tage zum Durchatmen, was uns sehr guttat.
In diesen Tagen fiel uns ein kleiner Junge auf, der den ganzen Tag über versucht seine Waren zu verkaufen. Ich ignorierte ihn, weil ich nichts kaufen wollte, doch meine Frau schaute ihn an, als er vor uns stand und darum bat, etwas bei ihm zu kaufen – „Bitte, bitte, bitte…“ Wir kauften nichts, aber gaben ihm 20 Griwna (65 Cent). Der Junge war überglücklich, strahlte und zog weiter.

Auch an den nächsten Tagen trafen wir ihn immer wieder und stellten fest, dass er bis zu 10 Stunden am Tag unterwegs sein musste, um wenigstens etwas erfolgreich zu sein. Er tat uns sehr leid und so haben wir ihn angesprochen.
Er heißt Semjon und ist 12 Jahre alt. Auf unsere Frage, warum er auf diese Weise Geld zu verdienen sucht, erzählte er, dass er schon seit drei Jahren immer in den Sommerferien (in der Ukraine sind das drei Monate) arbeitet, weil er in die Schule gehen möchte und seine Eltern nicht in der Lage sind, ihm Schulsachen und entsprechende Bekleidung zu kaufen. Wir erfuhren, dass er noch eine ältere Schwester und zwei kleinere Brüder hat.
Während andere Kinder ihre Ferien genießen, muss der kleine Semjon arbeiten. So viel zum Thema Kinderarbeit…
Diesmal gaben wir ihm etwas mehr Geld, damit er einige Sachen für die Schule kaufen konnte. Er war sichtlich bewegt und wollte immer wieder wissen, was er uns denn schenken könnte, während seine Augen dabei fröhlich strahlten.
Doch diese sichtbare Freude des Jungen war für uns schon genug Dank und wir verabschiedeten uns noch mit einem „Gott sei mit dir!“ Er wünschte uns das ebenfalls mit denselben Worten…

Kinderpatenschaft als Chance
Wäre der Junge in unserem Kinderpatenschaftsprojekt, könnte er seine Kindheit wohl sehr viel unbeschwerter genießen und würde zudem viel mehr von der Liebe Gottes hören. Aus diesem Blickwinkel kann ich jedem, der die Chancen solcher Kinder verbessern will, nur empfehlen, dies durch eine Kinderpatenschaft zu tun, da dies ein sehr persönlicher und wirkungsvoller Weg der Hilfe ist.

Im Namen Jesu den Notleidenden zu helfen und für sie zu beten, ist Ausdruck der Liebe Gottes in dieser Welt.
Als unsere Reise zu Ende ging, blickten wir dankbar zurück. Diese Reise hat uns gutgetan und sie hat uns zudem sehr ermutigt.

Euch allen möchten wir für die Unterstützung des Dienstes und für Eure Gebete danken.
Gott sei mit Euch!
Heinrich Beck

Zeitschrift 2021 Nr.4

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